Der Mensch kann nicht aus der Sprache heraustreten (Ausgabe Oktober 2025)
Wir leben, denken und empfinden innerhalb einer unsichtbaren Membran(oder Schale), die „Sprache“ heißt.
Sprache ist nicht bloß ein Ausdrucksmittel, sondern die Schnittstelle, über die der Mensch mit seiner Welt in Verbindung tritt.
Der Essay folgt den Gedanken von Kant, Freud und Uexküll, um die unauflösliche Verflechtung von Sprache und menschlicher Existenz zu erkunden.
E. Kant erklärte, Raum und Zeit seien die reinen Formen der menschlichen Anschauung. Er unterschied den Gegenstand der sinnlichen Anschauung als „Erscheinung“ und folgerte, dass, wenn uns etwas als Erscheinung gegeben ist, etwas dahinter erscheinen müsse. Dieses nannte er „das Ding an sich“. Für Kant jedoch ist das Ding an sich kein empirischer Gegenstand, sondern ein Grenzbegriff, der die äußere Grenze unserer Erkenntnisform bezeichnet. Es ist nichts, was wir unmittelbar erfahren könnten. Das „Ding an sich“ fungiert daher als sprachliche Grenzlinie, die das Unsagbare umreißt und das Feld unseres Weltverständnisses begrenzt.
S. Freud wiederum entdeckte etwas im Inneren des menschlichen Bewusstseins, das diesem entzogen ist. Er nannte es „das Unbewusste“. Dieses kann vom Bewusstsein nicht direkt erfasst werden, zeigt sich jedoch in Sprache, Traum und Verhalten. Wie J. Lacan später sagte: „Das Unbewusste ist wie eine Sprache strukturiert.“ Somit tritt auch das Unbewusste nur innerhalb des sprachlichen Gefüges in Erscheinung.
Der Mensch nahm an, dass es „Luft“ gibt, auch wenn nichts sichtbar vor ihm steht. Er dachte, selbst wenn die Luft entfernt würde, bliebe „Vakuum“ zurück, und selbst ohne Vakuum existiere noch das „Feld“, wie es die Physik lehrt. Indem wir auch das Unsichtbare benennen, begreifen wir es als etwas Seiendes.
Sobald wir die Wörter „Ding an sich“, „Unbewusstes“ oder „Feld“ kennen, können wir über diese Gegenstände nicht mehr nachdenken, ohne diese Worte zu gebrauchen.
Man kann also sagen: Das „Ding an sich“ ist die Spur einer Grenze, die durch den Ausdruck „Ding an sich“ angezeigt wird; das „Unbewusste“ ist der Bereich, der erst durch die Bezeichnung „das Unbewusste“ als Struktur bewusst wird; und das physikalische „Feld“ ist ein Konstrukt, das nur durch den Akt des Benennens innerhalb der erfahrbaren Welt lokalisiert wird. Mit anderen Worten: Diese Entitäten erscheinen nur durch Sprache; Sprache erschafft die Objekte nicht einfach, sondern bestimmt überhaupt erst, was als Objekt gelten kann.
Der moderne Mensch lebt inmitten zahlloser künstlicher Objekte. Ihre Beherrschung wird erst durch die angebrachten „Namen“, also durch Worte, möglich. Selbst in den Polarregionen oder im Innersten des Amazonas-Regenwaldes ist alles, was wir sehen, hören oder fühlen, mit Sprache versehen; und selbst ein unbekanntes Lebewesen wird, sobald es „unidentifiziertes Wesen“ genannt wird, Teil der menschlichen Umwelt (J. J. Uexküll). Wie Uexküll zeigte, lebt jedes Lebewesen in seiner eigenen Umwelt, und die menschliche Umwelt ist eine durch Sprache organisierte Welt.
Demnach ist für den Menschen alles, was wirksam existiert – also was erkannt und gehandhabt werden kann – nichts anderes als Sprache und ihr Netzwerk. Der Mensch ist ein Wesen, das die Hülle der Sprache nicht verlassen kann.
Doch daraus ergibt sich eine große Frage: Wenn die Menschheit im Gefängnis dieser sprachlichen Hülle lebt, warum ist sie dann nicht durch fatale Irrtümer untergegangen, sondern hat sich im Gegenteil entfaltet?
Nach den Erkenntnissen der Molekularanthropologie erschien der moderne Mensch (Homo sapiens) vor etwa 200 000 bis 150 000 Jahren in Afrika und verließ den Kontinent vor rund 70 000 Jahren, um sich über Eurasien auszubreiten. Wann genau der Mensch Sprache erwarb und zu gebrauchen begann, ist ungewiss, doch vermutlich geschah dies sehr früh. Nimmt man dies an, so hat die Menschheit in den vergangenen 200 000 Jahren ohne Auslöschung überlebt und sich erhalten. Während dieser Zeit scheint es keine wesentlichen körperlichen Veränderungen gegeben zu haben – keine evolutionären Abzweigungen, die zu neuen Unterarten geführt hätten.
Inzwischen wechselte das Klima der Erde zwischen Wärme- und Kälteperioden, Meeresvorstöße und -rückzüge veränderten die Lebensräume, und alle Lebewesen waren großen Umweltumbrüchen ausgesetzt. Der physisch wenig robuste Mensch überlebte nicht durch biologische Anpassung, sondern durch sprachlich vermittelte Kooperation und Werkzeugherstellung. Kleidung und Behausungen schützten ihn vor Kälte und Hitze; das Feuer ermöglichte Wärme, Kochen, Vorratshaltung und Licht nach Sonnenuntergang. Indem der Mensch Objekte und Werkzeuge schuf, die andere Arten nicht benötigten, steigerte er seine ökologische Fitness.
Diese Dinge waren Schalen – Interfaces – zwischen Körper und Umwelt, die den verletzlichen menschlichen Leib schützten. Sie scheinen materiell zu sein, sind aber nur für sprachbegabte Wesen sinnvoll und wirksam. In diesem Sinne sind sie sprachlich konstituiert. Hier fungiert die Sprache nicht bloß als Ausdrucksmittel, sondern als Membran, durch die der Mensch mit seiner Umwelt in Kommunikation tritt.
Die Menschheit, die sich über den Globus ausbreitete, hat dieses hochgradig formbare Netzwerk aus Sprache und Interfaces entwickelt und es den jeweiligen Individuen, Gruppen und Umwelten angepasst. Die heutige Vielfalt der Sprachen und Lebensformen ist das Ergebnis dieser Evolution. Letztlich wurde die menschliche Blüte nicht durch körperliche Stärke getragen, sondern durch die Fähigkeit, diese „formbare sprachliche Membran“ unaufhörlich zu erneuern. Der Mensch ist ein Gefangener der Sprache – und zugleich ihr schöpferischer Umformer.
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