Ist der Homo sapiens symbolisch geerdet? : Eine Neubetrachtung aus der Hypothese „Sprache als Interface“
Stevan Harnads Formulierung des Symbol-Grounding-Problems war ein bahnbrechender Impuls für Kognitionswissenschaft und KI-Forschung.
Wie können Symbole mit der Welt, auf die sie verweisen, verbunden werden? Diese Frage prägt bis heute die Debatte über Bedeutung und Intelligenz.
Doch man kann sie umkehren: War der Mensch je wirklich geerdet?
1 Sprache als Moment der Ent-Erdung
Vier Milliarden Jahre lang waren alle Lebewesen fest in ihre Umwelt eingebettet.
Licht, Schall, Temperatur, chemische Reize – das Leben reagierte unmittelbar durch sensorisch-motorische Kopplung.
Es gab keine Symbole, keine Repräsentationen, nur den Kreislauf von Wahrnehmung und Handlung.
Vor etwa hunderttausend Jahren aber geschah das Unerhörte: Homo sapiens erfand die Sprache.
In diesem Augenblick entstand zum ersten Mal auf Erden ein Wesen, das sich von seinem Boden löste – ein ent-geerdetes Lebewesen.
2 Sprache als Interface und Verlust der Welt
Sprache ist kein transparentes Werkzeug zur Erfassung der Realität; sie ist ein Interface zwischen Mensch und Welt.
Mit dem Auftreten der Sprache wurde die unmittelbare Erfahrung durch Vermittlung ersetzt: Wir berühren die Welt nur noch über die Oberfläche der Worte.
Andere Lebewesen bleiben zur Erdung verpflichtet.
Nur der Mensch schwebt über der Welt und geht auf der dünnen Membran der sprachlichen Vermittlung.
So gesehen gilt – gegen Harnad –:
Der Mensch ist das ent-geerdete Wesen par excellence, die Spezies, die nicht geerdet sein kann.
3 Selbstvermehrung der Symbolwelt
Vom Boden abgeschnitten, beginnt der Mensch, eine unendliche symbolische Welt zu erzeugen.
Anstelle unmittelbarer Wahrnehmung re-kodieren wir die Wirklichkeit ständig neu – durch Sprache, Begriffe, Institutionen, Wissenschaft, Kunst und Religion.
Bei Blumenberg heißt dies „Wiederbesetzung der Welt“,
bei Lotman „Semiosphäre“,
bei Lacan „symbolische Ordnung“.
Der Mensch, seiner Erdung beraubt, produziert endlos neue Interfaces – eine selbstkatalytische Symbol-Spezies.
Kultur und Zivilisation sind nichts anderes als die Gesamtheit dieser künstlichen Schichten.
4 KI als Traum der Wieder-Erdung
Aus dieser Perspektive erscheinen die heutigen Bemühungen um embodied AI und grounded cognition als Experimente der Wieder-Erdung.
Indem wir KI Körper und Sensoren geben, versuchen wir nicht nur, Intelligenz zu imitieren, sondern den verlorenen direkten Bezug zur Welt künstlich wiederherzustellen.
Die KI ist somit ein Spiegel unseres Verlangens – ein Versuch, den Boden, den uns die Sprache entzog, im Silizium zurückzugewinnen.
5 Die Bilanz des Letzten Menschen
Die Menschheit vermehrt ihre symbolischen Interfaces ins Unendliche.
Wissenschaft, Politik, Kunst – alles sind Schichten der Vermittlung über dem fehlenden Grund.
Wohin führt dieses ent-geerdete Abenteuer?
Ob es Segen oder Fluch war, wird erst der Letzter Mensch in seiner Schlussbilanz entscheiden.
Bis dahin träumen wir weiter von der Welt – auf der zerbrechlichen Membran der Sprache.
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