Im Moment des Sprechens verfestigt sich die Welt – Das Paradox des abductiven Benennens und der Ontologisierung
1. Das „Herz“ der Tiere und das „Being Happy“
Beobachtet man einen Hund, kann man fast intuitiv die Veränderungen seiner Gefühle spüren – Trauer, Zorn, Hunger, Freude. Wollte man dies sprachlich ausdrücken, wäre happy das passendste Wort. Doch in dem Moment, in dem es zu happiness substantiviert wird, erstarrt das flüchtige, fließende Gefühl zu einem abstrakten Begriff. Worte verweisen nicht mehr auf Ereignisse, sondern verwandeln Ereignisse in Objekte. Dies ist die Wirkung der Substantivierung – der Beginn ontologischer Erstarrung.
2. Die Erstarrung durch Substantivierung
Ramon Llull (Logica Nova, 1303) forderte, dass das „Benennen“ gerundiv, also handlungsbezogen sein müsse. Er wollte damit gerade dieser Erstarrung entgehen. Die Welt ist im Werden, und Existenz zeigt sich nur in Bewegung. Daher sollte auch die Sprache verbal bleiben, dem becoming angepasst. Tim Ingolds Satz, die Welt zu benennen heißt, entlang ihrer Strömungen zu gehen*, weist in dieselbe Richtung.
*Dieser Satz paraphrasiert Tim Ingolds Darstellung von Namensgebung und Wanderschaft. Siehe Tim Ingold, Being Alive: Essays on Movement, Knowledge and Description(London: Routledge, 2011), Part IV, ch.14 “Naming as Storytelling: Speaking of Animals among the Koyukon of Alaska”, pp.201–214;and Tim Ingold, The Perception of the Environment: Essays on Livelihood, Dwelling and Skill(London: Routledge, 2000), ch.13 “To Journey Along a Way of Life: Maps, Wayfinding and Navigation”, pp.273–304.
3. Abduktiver Akt und ontologischer Akt
Beim Denken können wir der Sprache nicht entkommen. Um neuen Phänomenen zu begegnen, schaffen wir neue Wörter. Die Wortschöpfung ist ein abductiver Akt – ein erfinderischer Sprung –, ein Ereignis, in dem etwas Namenloses in die Welt eingeführt wird. Doch in dem Moment, in dem dieses Wort substantivisch definiert wird, hört das Denken auf zu erzeugen und verwandelt sich in einen ontologischen Akt. Das Wort öffnet die Welt nicht mehr, sondern fixiert ihren Schnitt.
4. Ontologisierung durch das Verstehen der Anderen
Der Schöpfer eines Begriffs mag sich seiner abductiven Lebendigkeit noch bewusst sein. Doch sobald andere ihn verstehen, zitieren und gebrauchen, geht diese Unmittelbarkeit verloren. Das Wort steht als „Tatsache“ in der Welt. Sprache erzeugt als Schnittstelle „Realität“, und wenn diese Realität einmal hervorgebracht ist, kann sie nicht mehr rückgängig gemacht werden. Als Heidegger von Sein und Zeit sprach, wurden diese Begriffe im philosophischen Diskurs zu Selbstverständlichkeiten. Die Macht der Sprache liegt in ihrer doppelten Fähigkeit, die Welt zu erweitern und zugleich den Rahmen des Sagbaren zu schließen.
5. Von der „Erweiterung und Schließung der sprachlichen Grenze“ zur „Wiedergewinnung der gerundiven Sprache“
Die Grenze der Sprache dehnt sich durch das Sprechen aus, verfestigt sich jedoch durch die Wiederholung. Um die schöpferische Kraft des Denkens zu bewahren, muss man der Versuchung der Substantivierung widerstehen und die Sprache gerundiv halten: nicht happiness, sondern being happy; nicht language, sondern languaging. Das Wort zu ververbalisieren, im Werden zu bleiben – das ist die Fortsetzung des abductiven Aktes innerhalb der sprachlichen Welt.
6. Schluss: Sprache als Schnittstelle des Werdens
Der Mensch berührt die Welt durch Sprache. Diese sprachliche Schnittstelle ist zugleich ein Instrument der Beobachtung und der Hervorbringung. Sobald ein Wort ausgesprochen und von anderen gehört wird, wird es Teil der Welt und erzeugt Wirklichkeit. Doch wenn substantivierte Wörter weiter zirkulieren, verliert die Welt ihre Neubeschreibbarkeit und sinkt in eine bereits beschriebene Realität.
Philosophische Schöpfung bedeutet daher nicht, „die Welt neu zu beschreiben“, sondern „den Akt des Sprechens selbst zu erneuern“.
Sprechen heißt nicht, die Welt zu definieren, sondern Welt und Selbst zu erneuern. Die Aufgabe der Sprache besteht nicht darin, das Sein zu benennen, sondern in dem, was erstarrt scheint, sowohl in Welt als auch im Selbst, das leise atmende Chaos wieder zu enthüllen.
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