Die Geburt der Sprache und die Schöpfungsmythen
Das evolutionäre Gedächtnis der „Ent-Erdung“ im Homo sapiens
Satoshi Ueda
1. Einleitung: Wie erlebte der Mensch die Geburt der Sprache?
Wie mag der Moment gewesen sein, in dem Homo sapiens zum ersten Mal Sprache erwarb?
So sehr man die Vorstellungskraft auch bemüht – dieser Augenblick entzieht sich jeder konkreten Imagination.
Das ist selbstverständlich. Der Ursprung der Sprache gehört zu den größten „Black Boxes“ der menschlichen Evolution und hinterließ weder wissenschaftliche noch mythologische Direktaufzeichnungen.
Doch in den letzten Wochen drängte sich mir ein Gedanke immer wieder auf:
Was wäre, wenn der Schock des Spracherwerbs – der Schock der Ent-Erdung –
als kulturelles Residuum in den weltweiten Schöpfungsmythen fortlebt?
Dies ist eine abductive, heuristische Hypothese,
die Evolutionsbiologie, Mythologie, Anthropologie, Kognitionswissenschaft und Sprachphilosophie transversal verbindet.
Doch sie ist keineswegs bloße Spekulation.
Vielmehr entsteht sie ganz natürlich an einem Punkt, an dem sich mehrere moderne Wissensströme kreuzen.
2. Die Geburt der Sprache war die Geburt einer Welt
Spracherwerb bedeutet nicht lediglich Kontrolle über Laute oder das Erfinden erster Wörter.
Spracherwerb bedeutet:
Ein Gerät zu erwerben, das „Umwelt“ in „Bedeutung“ verwandelt.
In dem Moment, in dem Sprache entstand, betrat der Mensch zum ersten Mal:
-
eine Welt benannter Dinge
-
einen semantischen Raum
-
eine erzählbare Welt
-
eine Welt, die durch Kausalität strukturiert ist
Dies ist in der Geschichte des Lebens ohne Beispiel.
Daher war der Ursprung der Sprache für Homo sapiens de facto:
die Erschaffung einer Welt (world-making).
3. Ent-Erdung: Wenn Sprache Wissen vom Körper ablöst
Bei nichtmenschlichen Tieren ist Wissen vollständig im Körper verankert.
Flügel, Knochen, neuronale Reflexe – all dies sind Formen von verkörperter Umweltintelligenz.
Sprache hebt diese Erdung auf.
Mit der Sprache wird die Welt symbolisch statt leiblich.
Die Welt existiert nicht mehr primär, um berührt zu werden,
sondern um gesprochen zu werden.
In diesem Augenblick verschob sich die evolutionäre Schnittstelle der menschlichen Linie
irreversibel von
Körper (Genom) → Sprache (Symbol).
Der Ursprung der Sprache war das einzige
Ent-Erdungsereignis
in der gesamten Geschichte des Lebens.
4. Schöpfungsmythen als kulturelle Echos dieses Ent-Erdungsereignisses
Wenn die Geburt der Sprache zugleich die Geburt einer bedeutungshaften Welt war,
dann könnte der kognitive Schock, den frühe Menschen erlebten, kulturell tradiert worden sein.
Die Überreste dieses Schocks könnten in dem liegen, was wir Schöpfungsmythen nennen.
Überall auf der Welt – unabhängig von Region, Klima oder Ethnie – finden wir:
-
die Entstehung aus dem Chaos
-
die Erschaffung durch Sprache oder Benennung
-
die kosmische Differenzierung durch Wort oder Laut
-
die Trennung von Himmel und Erde
-
den primordialen Akt des Ordnens
Das sind keine beliebigen Geschichten.
Sie könnten symbolische Rekonstruktionen sein von:
der evolutionären Erfahrung, in eine sprachliche, ent-erdete Welt einzutreten.
5. Weltreligionen als Ausdruck von Haltungen zur Ent-Erdung und Re-Erdung
Hebraismus (Genesis)
Das Buch Genesis beginnt mit dem Satz:
„Im Anfang war das Wort.“
Dies ist nicht bloß Theologie.
Es spiegelt eine tiefe kulturelle Affirmation der
Ent-Erdung durch Sprache wider.
Benennung ist Schöpfung;
Sprechen heißt, die Welt hervorzubringen.
Diese Weltsicht könnte die ursprüngliche kognitive Transition zur sprachlichen Existenz verdichtet bewahrt haben.
Buddhismus
Der Buddhismus setzt an mit:
„Dieses Dasein ist Leiden (dukkha).“
Dieses „Leiden“ entspricht der Instabilität einer ent-erdeten Welt –
einer Welt ohne Fixierung,
mit fluktuierenden Bedeutungen,
ohne inhärente Essenzen.
Erleuchtung kann daher gelesen werden als:
eine Re-Erdung jenseits sprachlicher Fluktuation.
Andere Traditionen
Indo-iranische, mesopotamische, chinesische, japanische und viele weitere Mythologien
teilen das Motiv, dass die Welt „geordnet“, „gesprochen“ oder „unterschieden“ wurde.
Hinter diesen kosmologischen Narrativen könnte folgendes stehen:
die Erinnerung an das Hervortreten der Welt durch Sprache.
6. Ist diese Hypothese wissenschaftlich tragfähig?
Mehr als das – sie könnte eine konzeptuelle Lücke schließen zwischen
Sprachursprungsforschung, kognitiver Anthropologie und Vergleichsmythologie.
Die Gründe:
-
Die Geburt der Sprache ist eine Form der Welterschaffung.
-
Die Entstehungszeit früher Mythen fällt annähernd in die Phase der sprachlichen Expansion (40–60 Tsd. Jahre).
-
Schöpfungsmythen weltweit zeigen auffällige strukturelle Parallelen.
-
Unterschiedliche religiöse Weltbilder korrespondieren erkennbar mit Haltungen zu Ent-Erdung / Re-Erdung.
-
Der Spracherwerb ist das einzige Ereignis der Evolution, das die Kognition grundlegend vom Körper abgelöst hat.
Nichts davon ist zufällig.
7. Schluss: Eine Art, die der Sprache nicht entkommen kann
Für Homo sapiens
war der Beginn der Sprache der Beginn einer Welt.
Einmal darin angelangt, kann er nicht zurück.
Alles, was wir berühren, wird zu „Sprache“.
Dies ist Segen und Fluch zugleich –
eine midasartige Verwandlung,
die uns von der vollständig geerdeten Welt der anderen Tiere trennt.
Das uralte Gedächtnis dieser Ent-Erdung,
eingeschrieben in Mythen der Weltschöpfung,
hallt leise weiter in unserem modernen Bewusstsein.


最近のコメント